Die Holzköhlerei, ein uraltes Gewerbe

Wer durch das weitverzweigte Napfgebiet wandert, kann in den Wäldern der Gemeinde Romoos Kohlenmeiler finden, die im Frühling bis Herbst aufgebaut und gebrannt werden. Die Köhler von Romoos sind die letzten, die in der Schweiz das uralte Handwerk als Nebenerwerb der Bergbauern betreiben.
Lassen Sie sich die Geschichte der Holzköhlerei durch den profunden Kenner Paul Duss in einem Video von Dominik Riedo erzählen:

Paul Duss erzählt die Geschichte der Holzköhlerei

Geschichte der Holzköhlerei in Romoos

Geschichtliche Forschungen haben ergeben, dass schon die Ägypter den flüssigen Holzteer, der bei der Verkohlung entsteht, zum Einbalsamieren ihrer Toten, zum Anstrich der Schiffe und Häuser und in eingedickter Form zum Abdichten von Fässern verwendeten. In Europa geht die Holzköhlerei bis in die Jungsteinzeit, 4’000 v. Chr., zurück. Der Holzteer wurde damals zur Befestigung der Pfeil- und Speerspitzen und der Steine in den Holzschaft verwendet. In der Bronze- und Eisenzeit diente die Holzkohle als unentbehrlicher Energieträger zum Schmelzen der Metalle.

Die Gemeinde Romoos ist für die Köhlerei wie geschaffen, denn 55% der Gemeindefläche bestehen aus Wald, davon sind 87% in privatem Besitz. Seit vielen Jahrhunderten wird in den Wäldern am Napf Holzkohle gebrannt. Die Bergwälder waren weitgehend unerschlossen, darum war eine Stamm- holznutzung nicht möglich. Der mangelnde Absatz des Holzes, sein geringer Wert und die schlechten Wegverhältnisse förderten das Aufkommen der Holzköhlerei. In der Gemeinde Romoos konnten bis heute über 200 Kohlplätze gefunden werden. Die Hufschmiede, die Gold- und Silberschmiede, die Eisengiessereien, Ziegeleien und Glashütten verwendeten Holzkohle. Die Hausfrauen brauchten sie für das Erhitzen der Bügeleisen.

Einen eigentlichen Aufschwung nahm die Köhlerei im 19. Jahrhundert. Hauptabnehmer der Holzkohle waren die Hammerwerke in der Emmenweid (heute von Moos Stahl AG), die von Roll’schen Eisenwerke in Balsthal und in der Klus, die Gotthardwerke in Bodio und später Georg Fischer AG, Schaffhausen.

Der Untergang war nahe
Mit dem Ausbau der Verkehrswege und des Eisenbahnnetzes begann die Einfuhr der ausländischen Holzkohle. Eine entscheidende Veränderung in der Verhüttung des Eisens war der Einsatz von Steinkohle, welche die einheimische Holzkohle allmählich verdrängte. Der elektrische Strom gewann immer mehr an Bedeutung. Der Bau von Waldstrassen ermöglichte den Abtransport des Holzes in die Sägereien.

Der Preis der einheimischen Holzkohle sank, der Absatz verschlechterte sich zusehends und die Köhlerei flaute immer mehr ab, bis sie dem Untergang nahe war. Erloschen sind jedoch die Kohlenmeiler in Romoos nie vollständig.

Im Ersten Weltkrieg war die Holzkohle wieder sehr begehrt. Die Einschränkungen der Importe im Zweiten Weltkrieg lösten eine starke Nachfrage nach einheimischer Holzkohle aus. Um die Lieferungen zu koordinieren, mussten sich die Köhler organisieren. 1941 gründeten Josef Duss, Romoos, und Oberförster J. Isenegger, Schüpfheim, den Köhlerverband. Im Mitgliederverzeichnis sind aber nur Köhler aus der Gemeinde Romoos aufgeführt. Das Eidg. Volkswirtschaftsdepartement, Abteilung Schweizer Kriegs-, Industrie- und Arbeitsamt, erliess 1940 und 1941 eine Verfügung, welche Verwendung, Ankauf und Verkauf der Holzkohle regelte. Die Holzkohle blieb besonders der Industrie, dem Gewerbe und der Armee vorbehalten. Motorfahrzeuge wurden mit Gas von Holz und Holzkohle angetrieben. Der Bund leistete eine mengenmässige Absatzgarantie und bezahlte einen Preisausgleich. Die Köhler produzierten in den Kriegsjahren 1939-1945 rund 1100 Tonnen Holzkohle für gewerbliche und industrielle Zwecke.

In den Nachkriegsjahren nahm die Produktion infolge mangelnder Nachfrage stark ab. Aus Spargründen des Bundes wurden im Budget 1975 die Preisausgleichbeiträge gestrichen. Die Industrie-Leasing AG, Zürich, erklärte sich bereit, einen jährlichen Preisausgleich zu übernehmen.
Seit 1981 richtet der Kanton Luzern aus dem Gebirgshilfefonds einen Preisausgleich aus und trägt wesentlich dazu bei, das alte Gewerbe zu erhalten. In den Eisenindustrien ermöglichten neue technische Prozesse auf den Einsatz der Holzkohle zu verzichten. Wegen der Inbetriebnahme des neuen Walzwerkes stellte von Moos Stahl AG, Emmenbrücke, ab 1986 den Bezug der Holzkohle ein.

Paul Duss in der Ausstellung über die Holzköhlerei in Romoos

Der entscheidende Wendepunkt
Sollte nun das uralte Gewerbe infolge Absatzschwierigkeiten aussterben? Das Jahr 1985 wurde zum entscheidenden Wendepunkt in der Geschichte der Romooser Holzköhlerei. Es gab nur die eine Lösung, das Umstellen der Produktion von der Industrie- auf die Grillholzkohle. Aufwändige Vorarbeiten mussten getroffen werden, weil keine Infrastruktur vorhanden war. Otto’s Warenposten, Sursee, heute Otto’s AG, bot sich als Verkäufer der neuen Romooser Grillholzkohle an. Die Holzpreise fielen massiv, deshalb stieg die Produktion der Holzkohle in den letzten Jahren. Weil die Romooser Grillholzkohle sehr begehrt ist, werden pro Jahr bis 100 Tonnen hergestellt.

Zukunft der Holzköhlerei
In der Schweiz werden jährlich 10’000 Tonnen Holzkohle verbraucht. Der überwiegende Teil der fabrikmässig hergestellten Holzkohle stammt aus den Oststaaten. Mit der Produktion von Grillholzkohle kann ein Teil des anfallenden Holzes sinnvoll verwertet werden und es können gleichzeitig Arbeitsplätze für ortsansässige Bauern geschaffen werden. In der heute schwierigen Zeit der Landwirtschaft ist die Köhlerei nicht ein aus Tradition gepflegtes Hobby, sondern ein mit harter Arbeit erwirtschafteter Nebenverdienst für die Bergbauern und ihre Familien. Die Holzköhlerei darf nicht zum Bilderbuchdasein absinken oder als Publikumsmagnet bei Veranstaltungen dienen oder im Freilichtmuseum überleben. Ohne finanzielle Unterstützung aus dem Gebirgshilfefonds des Kantons Luzern und des Köhler-Clubs Zürich, Freunde der Köhler von Romoos (1975-2017), würde die Holzköhlerei nicht mehr betrieben.
Im Dachgeschoss des Feuerwehrgebäudes Pfarrpfrund wurde im Juni 2002 eine Ausstellung über die Holzköhlerei eröffnet. Wenn keine Meiler brennen oder aufgestellt werden, sollen Interessierte Einblick in das alte Handwerk erhalten. Anlässlich der Eröffnung der Ausstellung zeichnete Unesco Biosphäre Entlebuch die Romooser Grillholzkohle mit dem Zertifikat „Echt Entlebuch“ aus.

Paul Duss, ehemaliger Sekretär Köhlerverband Romoos